„Land gewinnen“

In dem Netzwerk der Einzelprojekte der Korrespondenzregion stellte die Goitzsche lediglich eines wenngleich auch sicher sehr spektakuläres Vorhaben dar. Wie überall in stillgelegten Tagebauen erfolgte zunächst eine Stabilisierung und Flutung. Die Flutung sollte neben der Schaffung einer Seenlandschaft auch dem Anstieg von kontaminiertem Grundwasser aus dem Bereich der ehemaligen Chemiekombinate entgegenwirken. Aber Sanierung und Flutung allein hätten noch keine Perspektive geschaffen, kaum Möglichkeiten für die Gewinnung einer neuen Identität gegeben. Notwendig war die Kreation einer neuen, einer kulturellen Dimension, welche durchaus ökonomische Perspektiven in sich tragen sollte.

Ganz naheliegend war natürlich zunächst die Vorstellung von einer Freizeitlandschaft mit Campingplätzen, Badestränden und Marinas, die in der warmen Jahreszeit Urlauber aus ganz Deutschland nach Bitterfeld ziehen würde. Realistisch war diese Vorstellung nicht. Notwendig war es, in der Goitzsche ein einzigartiges und unverwechselbares Landschaftsbild zu schaffen, das auf der Identität einer Bergbauregion fußt und mit seinen künstlerischen Projekten die behutsame Herausbildung einer neuen Identität befördert.

Von Mitte 1996 bis Ende 1997 schufen auf Einladung der Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH Künstler, Kunst- und Kulturwissenschaftler, Architekten, Landschaftsarchitekten und Bergleute als Mitglieder der Kommission Kunst und Landschaft (Kunstkommission) die Grundlagen für die Gestaltung der Kulturlandschaft Goitzsche. In einem Positionspapier wurden die Möglichkeiten der Neugestaltung der Bergbaufolgelandschaft im Zuge der Expo 2000 beschrieben. Ganz deutlich wurde gesagt, dass die Gestaltung der Goitzsche mehr als die übliche „ökologisch korrekte“ Bergbaufolgelandschaft umfassen müsse. Der Prozess der Landschaftsgestaltung sollte - ohne die industrielle Vergangenheit der Region zu leugnen - eine künstlich modellierte Kulturlandschaft schaffen. Die Neugestaltung der Landschaft sollte unter Einbeziehung künstlerischer Kreativität und Phantasie eine „Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft“ schlagen und den dramatischen Imagewandel der Region transportieren. Schon allein die Hinwendung der Stadt Bitterfeld und der anderen Anrainerkommunen zu einem Gebiet, das man über Jahrzehnte hinweg wegen der Umweltbelastungen gemieden hatte, machte ein gravierendes Umdenken erforderlich.

Nicht eine Kulturlandschaft im herkömmlichen Sinne sollte die Goitzsche sein. Die Bergbaugebiete wurden nicht im ursprünglichen Wortsinn kultiviert sondern ausgebeutet; die Landschaft wurde verbraucht. Insofern waren die Gebiete, die nach dem Auflassen des Tagebaues vorhanden waren auch kaum mit dem traditionellen Landschaftsbegriff zu beschreiben. Man hatte den Ausdruck Bergbaufolgelandschaft für derartige Gebilde geprägt. Diese Landschaft mit neuen Inhalten unter dem Markenzeichen Kunst, Ökologie und Sinnlichkeit zu füllen, das war die Aufgabe für die kommenden Jahre. Ein erster Meilenstein auf der Zeitschiene sollte die Weltausstellung Expo 2000 sein, wobei man sich bewusst war, dass zu diesem Zeitpunkt lediglich ein Zwischenergebnis zu besichtigen sein würde.

Die Ausstellung „Land gewinnen“ im Schloß in Pouch, die während der Expo in Trägerschaft der Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH eröffnet wurde, verwies mit ihrem Motto auf den Prozess der Rückgewinnung von Landschaft.

Mit der Beendigung der Arbeit der Kunstkommission erfolgte am 19.12.1997 die Konstituierung des Kuratoriums Kulturlandschaft Goitzsche. Ihm gehörten 19 Mitglieder aus Deutschland (sechs aus der ehemaligen Kunstkommission), Frankreich, Italien und Spanien an. Das Kuratorium knüpfte nahtlos an die Tätigkeit der Kunstkommission an und veranlasste in Wettbewerben und Workshops mit internationalen Künstlern die Entwicklung von Ideen und Konzepten für die Gestaltung der Kulturlandschaft Goitzsche. Die im Ergebnis dieses Prozesses vorgelegten Entwürfe wurden nach der Bestätigung durch das Kuratorium und den erforderlichen Abstimmungen über die Durchführbarkeit umgesetzt. So entstanden im Laufe der Jahre die Kunstwerke auf der Halbinsel Pouch, der Pegelturm mit Seebrücke an der Bitterfelder Wasserfront und die Wächter der Goitzsche in der Holzweißiger Seenplatte. Nicht realisiert worden sind bisher die Projekte Goitzschewald, Südostraum der Goitzsche sowie der Aussichtspunkt „Bitterfelder Bogen“ auf dem Bitterfelder Berg.

Die Anliegerkommunen der Goitzsche traten 1999 einem „Ufervertrag“ bei. Dabei verpflichteten sich die Unterzeichner des Vertrages, „...die Bergbaufolgelandschaft und vor allem die Ufer der ... Seen in ihrer Gestalt als erkennbares Ganzes zu entwickeln ... , ... die Ufer als durchgängig öffentlichen Raum zu respektieren ..., die Bergbaufolgelandschaft als Raum und Ort für Kunst in der Landschaft im Konsens mit den Belangen des Natur- und Landschaftsschutzes zu verstehen“. Mit dem Ufervertrag einigten sich die beteiligten Kommunen auf einen gemeinsamen Wertekatalog, nach dem die weitere Entwicklung der Kulturlandschaft erfolgen sollte.

Ein derart umfangreiches und vielgestaltiges Vorhaben wie die Kulturlandschaft Goitzsche hat naturgemäß eine große Anzahl Projektbeteiligter. Genannt werden sollen die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH, der Kommunale Zweckverband Bergbaufolgelandschaft Goitzsche, das Büro Knoll Ökoplan Leipzig-Sindelfingen, die Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH, der Landkreis und die Stadt Bitterfeld, die Kreissparkasse Bitterfeld, die Industrieparkgesellschaft Bitterfeld/Wolfen, das Büro Mediastadt Weimar sowie zahlreiche beauftragte Unternehmen, Landschaftsarchitekten und –künstler.

Ein wichtiger Prüfstein für Erfolg und Akzeptanz des eingeschlagenen Weges war die Weltausstellung Expo 2000 in der Korrespondenzregion. Nach Auskunft von Gerhard Seltmann, Geschäftsführer der Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH, wurden wochentags an der Goitzsche 600 bis 700 Besucher - an den Wochenenden das Doppelte - gezählt. In der Ausstellung „Land gewinnen“ konnten weit über 7.000 Gäste begrüßt werden. Die Weltausstellung war nicht nur hinsichtlich der Besucherstatistik, der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze und der geflossenen Fördermittelmenge für die Region ein enormer Erfolg. Die Expo war von einer Vielzahl von Volksfesten (Sachsen-Anhalt-Tag in Bitterfeld) und kulturellen Großereignissen begleitet worden, die eine ganze Region in Feierstimmung versetzten. Viel einschneidender aber war der Imagegewinn und der Gewinn an Lebensqualität für die hier lebenden Menschen. Der Grundsatz der nachhaltigen und also weit in die Zukunft weisenden Entwicklung ist in der Region Bitterfeld/Wolfen deutlich zum Tragen gekommen.

„Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen“, schrieb Brecht nach der Rückkehr aus dem Exil. Die Zeit nach der Weltausstellung in der Korrespondenzregion könnte kaum treffender charakterisiert werden. Die Expo war das große und verbindende Ziel, auf das alle Akteure mit viel Elan und Engagement hingearbeitet hatten. Mit dem Ende der Weltausstellung versiegten nicht nur die Fördermittelströme. Die Expo 2000 Sachsen-Anhalt GmbH ging in Liquidation. Das Kuratorium Kulturlandschaft Goitzsche, welches im Auftrag eben dieser Gesellschaft tätig war, hatte damit keine Arbeitsgrundlage mehr. Im Bewusstsein der Menschen der Region war mit dem Ende der Expo als Veranstaltung - völlig zu Unrecht – auch der Schwung der Expo abhanden gekommen.

Dennoch, es galt ganz im Sinne des Prinzips der Nachhaltigkeit den einmal ins Leben gerufenen Vorhaben zu einer Eigendynamik zu verhelfen.

Oft erwiesen sich die Mühen der Ebenen als beschwerlicher als die der Gebirge. Gleichwohl – die Bemühungen um die Weiterentwicklung der Kulturlandschaft Goitzsche wurden fortgesetzt. Im Mai 2001 konnte die Ausstellung „Land gewinnen“ im Schloß Pouch in Trägerschaft des Landkreises Bitterfeld in einer aktualisierten Form wiedereröffnet werden.

Ebenfalls im Jahr 2001 wurde das Projekt „Kulturlandschaft Goitzsche“ mit dem EDRA/PLACES AWARD ausgezeichnet.

Unter 96 Bewerbungen wurde der Preis dem Internationalen Kuratorium „Kulturlandschaft Goitzsche“ zusammen mit dem Landschaftsarchitekturbüro Knoll Ökoplan zuerkannt. Damit erhielt zum ersten Mal überhaupt ein deutsches Projekt diesen Preis für besonders beispielhafte Projekte der Umwelt- und Landschaftsgestaltung.

Der EDRA/PLACES AWARD wird seit 1998 jährlich in den Kategorien „Planung“, „Design“ und „Forschung“ von der Environmental Design & Research Association und dem Fachjournal für Landschaftsarchitektur „Places“ vergeben.

PLACES ist eine US-amerikanische Fachzeitschrift für Landschaftsplanung, Landschaftsarchitektur, Forschung und Kunst, die von der Stiftung Design History Edmond/ Oklahoma herausgegeben und vom Pratt Institut, School of Architecture, New York City und der Berkeley University of Callfornia unterstützt wird.

EDRA - Environmental Design & Research Association ist eine 1968 gegründete internationale und interdisziplinäre Vereinigung von Architekten, Künstlern, Sozialwissenschaftlem, Hochschullehrern und Managern. Sie zählt zu den größten ihrer Art in Nordamerika. EDRA wurde 1968 gegründet, um die Zusammenhänge zwischen Umweltgestaltung und dem Mensch-Natur-Verhältnis zu erforschen sowie beispielhafte Projekte der Umweltgestaltung zu fördern, mit denen das Verhältnis der Menschen zu ihrer natürlichen Umwelt verbessert werden kann.

Das Projekt „Kulturlandschaft Goitzsche“ erhielt die Auszeichnung in den zwei Kategorien „Planung“ und „Design“.

Am 17. September 2001 gründete sich im Schloß Pouch der Förderverein Goitzsche e.V. Angesichts der Notwendigkeit, die einmal eingeschlagene Entwicklung zu einer Kulturlandschaft Goitzsche weiter zu befördern, haben sich 47 Einzelpersonen und Unternehmen entschlossen, im Rahmen eines Vereins ihre Kraft und Energie einem für die Region so eminent wichtigen Vorhaben zur Verfügung zu stellen. Zweckbestimmung des Vereins ist die Weiterentwicklung des Landschaftsraumes Goitzsche als ein international beachtetes Beispiel für die Entwicklung von Bergbaufolgelandschaften. Der Verein will es sich zur Aufgabe machen, die Entwicklung von Kunst und Kultur, die Denkmalpflege, die Heimatpflege und –kunde zu fördern und er will insbesondere zur internationalen Gesinnung und zur Völkerverständigung beitragen. Er widmet sich dem Natur- und Umweltschutz, der Landschaftspflege, dem Sport sowie der Wissenschaft und Forschung. Ziel muss es sein, das im Laufe des Expo-Prozesses erreichte hohe Niveau einer deutschlandweit einmaligen Bergbaufolgelandschaft als weltgrößtes Landschaftskunstprojekt zu erhalten und auszubauen und negative Entwicklungen zu einem gesichtslosen Erlebnistourismus zu verhindern.

Zu Beginn des Jahres 2002 wurde durch den Landkreis Bitterfeld erneut ein Kuratorium Kulturlandschaft Goitzsche berufen, das in Trägerschaft des Landkreises als Beratungsgremium hinsichtlich der Realisierung der konkreten künstlerischen Ausdrucksformen und Gestaltungsmittel innerhalb der Landschaftsentwicklung unter ästhetischen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten fungiert. Damit hat sich der Landkreis Bitterfeld auch für die Zukunft des Sachverstandes und des internationalen Expertenwissens der Kuratoren gesichert.

Entscheidender für die weitere Entwicklung der Kulturlandschaft Goitzsche wird aber das Engagement der Bürger der Region sein. Nur wenn die Bevölkerung sich des einmaligen Schatzes, den die Goitzsche für die Region darstellt, bewusst ist und auch willens ist, sich diesen Schatz zu eigen zu machen und aktiv zu seinem Glanz beizutragen, hat die Kulturlandschaft Goitzsche eine wirkliche Zukunft.