Kleine Geschichte der Bitterfelder Region

Die Region um das heutige Bitterfeld war bereits vor etwa 70.000 Jahren von Menschen besiedelt. Sie haben den „Gröberner Waldelefanten“ gejagt. Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle ist der Schlachtplatz zu besichtigen.

Im 7. und 8. Jahrhundert wurde das Gebiet von Slawen bewohnt. Ortsnamen wie Paupitzsch, Zscherndorf, Roitzsch oder Glebitzsch zeuge heute noch von dieser Zeit.

Nach 1150 zogen flämische Siedler in die zum Teil sumpfige Muldeaue. Im Jahre 1153 hatte Konrad der Große, Graf von Wettin und Markgraf von Meißen seinen Besitz unter fünf Söhne aufgeteilt. Einer der Erben, Friedrich, erhielt die Grafschaft Brehna, zu welcher auch das Bitterfelder Gebiet gehörte. Am 28. Juni 1224 wir die Stadt mit der Schreibweise „Bitterfelt“ erstmals urkundlich erwähnt. 1290 gelangte die Grafschaft an die askanischen Herzöge und Kurfürsten von Sachsen-Wittenberg. 1422 fiel das Gebiet wieder an die Wettiner - zunächst wurde es 1485 ernestinisch, 1547 dann albertinisch. Mit der Einführung der Reformation wird Bitterfeld 1531 evangelisch. Zwischen 1566 und 1633 wütete die Pest mehrere Jahre in der Stadt. Wie in ganz Deutschland hinterließ auch der Dreißigjährige Krieg furchtbare Spuren in Bitterfeld: 1647 lebten gerade noch 61 steuerpflichtige Bürger in der Stadt. 1738 ging das Gebiet wieder an Kursachsen. Nach der Niederlage Napoleons 1813 und der mit ihm verbündeten Sachsen wurde die Region um Bitterfeld preußische Provinz und aus dem Amt Bitterfeld wurde der Kreis Bitterfeld.

Der industrielle Aufschwung Bitterfelds begann mit der Förderung der Braunkohle. Die Braunkohle bedingte die Ansiedlung von chemischer Industrie und den rasanten Ausbau der erforderlichen Infrastruktur. 1839 beginnt mit dem Aufschluß der Grube „Auguste“ der bergmännische Abbau der Bitterfelder Kohle. Die Eisenbahnstrecken Wittenberg-Halle und Dessau-Leipzig wurden ab 1856 gebaut. Die Goitzsche ist zu diesem Zeitpunkt noch der Bitterfelder Stadtwald.

Nach der Grube „Auguste“ eröffneten in deren Nähe noch sechs weitere Gruben. Bereits 1850 lieferte man 32.000 t Kohle jährlich an Abnehmer in der näheren Umgebung. Bis 1863 erhöhte sich die Kohleförderung auf 294.000 t pro Jahr. Die erste Brikettfabrik öffnete 1872, seit 1856 gab es chemische Produktionsstätten. Preiswert anfallendes Gas fand im „Verein für Luftschiffahrt Bitterfeld" einen Empfänger. Die Verfügbarkeit von Wasserstoff ermöglichte dem Major Parseval zwischen 1901 und 1915 den Bau von halbstarren Luftschiffen. Luftschiffbau und Ballonsport erlangten bis 1918 Weltruhm. Bis 1934 erfolgten in Bitterfeld 3000 Starts mit gasgefüllten Ballons.

Das Wachstum der chemischen Industrie im Raum Bitterfeld-Wolfen wurde seit der Wende vom 19. zum 20 Jahrhundert entscheidend von 3 großen Chemiefirmen getragen: die Chemische Fabrik Griesheim, die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft zu Berlin (AEG) und die Actien-Gesellschaft für Anilinfabrikation (AgfA). Die 3 Unternehmen betrieben unabhängig voneinander Tochterunternehmen im Bitterfelder Raum.

Der Braunkohleabbau war nicht nur für die Entwicklung der chemischen Industrie eine wesentliche Voraussetzung. Die Tonschichten, die über den Braunkohleflözen lagerten, lieferten den Rohstoff für die sich herausbildende Steinzeugindustrie. Europaweite Verbreitung erlangten die Produkte der 1871 gegründeten „Greppiner Werke“. Mit ihren Verblendziegeln, den sogenannten „Greppiner Klinkern“, sowie mit Terrakotten wurden Erzeugnisse auf den Markt gebracht, die heute noch der Architektur des Bitterfelder Raumes einen einzigartigen Glanzpunkt verleihen.

1945 besetzen zunächst die Amerikaner dann die Rote Armee den Kreis. Chemieanlagen wurden als Reparationsleistungen teilweise oder vollständig demontiert und Sowjetische Aktiengesellschaften (SAG) wurden errichtet. 1952 wurden das Elektrochemische Kombinat Bitterfeld und die Farbenfabrik Wolfen Volkseigene Betriebe, die wiederum im Zuge der DDR-weiten Kombinatsbildung 1969 zum Chemiekombinat Bitterfeld verschmolzen wurden.

Der Kreis Bitterfeld ist zu DDR-Zeiten auf kulturellem Gebiet durch den sogenannten „Bitterfelder Weg“ berühmt geworden, der auf den beiden „Bitterfelder Konferenzen“ 1959 und 1964, welche im Kulturpalast stattfanden, ins Leben gerufen wurde. Ziel war es, die Werktätigen auf breiter Front in das Kulturschaffen einzubeziehen und die Lücke zwischen Intelligenz und Arbeiterklasse zu schließen. Besonders bekannt wurden die Zirkel schreibender Arbeiter, die unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel!“ eine gewisse literarische Wirksamkeit erlangten. Auch wenn der „Bitterfelder Weg“ sich im Laufe der weitern Entwicklung als Sackgasse erwiesen hat, so ist doch die Bedeutung der durch ihn ins Leben gerufenen Zirkel, Arbeitsgemeinschaften, Theatergruppen, Chöre u.ä. für das kulturelle Leben in der DDR nicht zu unterschätzen, da sie viel zur Bildung, Selbstverwirklichung und zum Lebensinhalt der Menschen beigetragen haben.

Mit der politischen Wende begann 1989 auch die wirtschaftliche Neugestaltung der Region. Der Braunkohlebergbau wurde in den folgenden Jahren vollständig, die Chemieproduktion zu einem großen Teil eingestellt. Durch Neuansiedlung und Umstrukturierung alter Anlagen ist es gelungen, den Chemiestandort Bitterfeld/Wolfen wenn auch mit erheblichen Arbeitsplatzverlusten zu erhalten. Der Landkreis Bitterfeld sieht sich heute als eine Region im Strukturwandel von der ehemals monostrukturierten Chemie- und Bergbauregion zu einer Region mit einer modernen Industrielandschaft, einer effizienten Dienstleistungsbranche sowie einem attraktiven und breitgefächerten Fremdenverkehrs- und Naherholungsbereich.